Der Wille zur Macht

Angesichts der täglichen Nachrichten- und Meinungsflut, die uns durch die Medien umspült und uns in Momenten der Besinnung die Frage aufdrängt, ob wir das alles nicht schon einmal erlebt haben und ob sich zeitlebens überhaupt etwas verändert hat, hebt sich eine menschliche Eigenschaft aus dem unüberschaubaren Tohuwabohu hervor: der humanoide Wunsch, einem anderen zu sagen, wo es lang geht.

Es scheint völlig gleichgülig zu sein, wohin wir schauen, in allen Lebensbereichen treffen wir auf Mitmenschen, die uns manipulieren möchten, damit wir uns ihren Ansprüchen entsprechend verhalten. Und wenn kein Mensch verfügbar ist, muß ein anderes Tier herhalten.

Dem Streben nach Dominanz entspringt häufig der Wunsch, in der nach oben offenen sozialen Werteskala einen der vorderen Plätze zu belegen. Menschen, die dieses Verlangen nicht an den Tag legen, beispielsweise Pazifisten oder die ernst zu nehmenden Anarchisten, werden von ihren Artgenossen oft misstrauisch beäugt oder gemieden.

Die wohl bekanntesten Institutionen mit ausgeprägten Machtstrukturen sind Staat und Kirche, aber auch Unternehmen und andere soziale Gebilde sind geeignet, Menschen mit gesteigertem Geltungsbedürfnis eine Heimat zu bieten. Ironischerweise machen sich mit Vorliebe Machtmenschen, um ihre Absichten zu bemänteln, die revolutionären Werte eines der bekanntesten Querdenker der Weltgeschichte zueigen, der nach seinem kurzen kometenhaften Aufstieg von den damaligen Vertretern des Staates und der Kirche auf ein Stück Holz genagelt wurde. Von ihm stammt die folgende Aussage:

Wenn jemand der Erste sein will, soll er der Letzte von allen sein und aller Diener!

Jesus von Nazareth (Markus 9,35)

Lesetipp: Schon etwas betagter, nichts desto trotz immer noch aktuell und passgenau, ist die Single-Auskopplung „Der Großinquisitor“ aus dem russischen Longplayer „Die Brüder Karamasow“ von F. M. Dostojewski aus dem Jahr 1880.