Atmen: ja – Bäume: nein!

Alle Jahre wieder, in der Zeit vom 01. Oktober bis 28. Februar, kann der aufmerksame Naturliebhaber einen verbreiteten Gast in Deutschlands Grünanlagen bei der Arbeit beobachten: die heimische Motorsäge. Es ist die so genannte Fällsaison, die das gefräßige Arbeitstier aus seinem langen Sommerschlaf während der Sperrfrist – gemäß Bundesnaturschutzgesetz – erwachen läßt. Es ist auch die Zeit, in der unzählige Baumpfleger bei Wind und Wetter mit ihrem knatternden Liebling „Gassi“ gehen und einer stattlichen Anzahl Bäumen – meist mehr, als nachgepflanzt werden – den mehr oder weniger notwendigen Exodus bescheren.

Es ist auch die Zeit, in der sich viele Baumeigentümer und deren Nachbarn freuen, wenn das treuwachsende Lebewesen, das ihr Grundstück jahrelang permanent beschattet hat und nichts weiter als Dreck zu machen wußte, nun fachgerecht entsorgt wird. Und schallt der Lockruf der Motorsäge erst einmal durch die Wohngebiete, strömen weitere leidgeprüfte Mitbürger herbei und fragen schonungslos, ob die Baumpfleger*innen nicht auch noch den einen oder anderen Baum zusätzlich entfernen könnten. Dreck, Schatten und die Gefahr, von einem Baum getötet zu werden, treiben die Bittsteller soweit, dass ihnen bei Verweigerung seitens der Motorsägenführer schonmal der eine oder andere verbale Ausrutscher unterläuft.

Es ist an der Zeit, dass wir aufwachen. Bäume sind der entscheidende Grund für menschliches Leben auf diesem Planeten. Pflanzen und insbesondere Bäume haben dafür gesorgt, dass die Luft für uns atembar ist. Sie bilden den Humus, auf dem unsere Nahrung gedeiht, sie halten das Klima im Zaum und dienen den Menschen seit Jahrtausenden – mit zahlreichen, hier ungenannten Leistungen – zur Erholung und als Richtschnur für ein gutes Leben.

Es ist zurzeit zwar angesagt Bücher über Bäume zu lesen, wie beispielsweise den Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben oder die ethno-biologische Variante „Wir sind Geschöpfe des Waldes“ von Wolf-Dieter Storl, aber was wir dringend brauchen, ist nicht mehr Wissen über die Bäume – wir brauchen mehr Bäume.

Der Godfather of Naturschutz, Alexander von Humboldt, hat es vor einiger Zeit einmal so ausgedrückt:

Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges großes Wunder und euren Vorfahren war er heilig. Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen der Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des einzelnen.

Alexander Freiherr von Humboldt (1769 – 1859)