Salzmarsch 2.0

Wenn Menschen, die entweder die wirtschaftliche und/oder die politische Macht auf sich konzentrieren, dem Rest der Menschheit etwas vorenthalten wollen, das im Überfluß vorhanden und frei verfügbar ist, stellt sich automatisch die Frage, warum wir (die Mehrheit) zulassen, dass wenige (eine Minderheit) uns die naturgegebenen Rechte nehmen.

Ein schönes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart ist der Kampf um freien Zugang zu Wasser und das geforderte Recht aller Menschen auf ebendiesen. Ein etwas älteres Beispiel ist das Salzmonopol der britischen Besatzer im Indien der 1930er Jahre. Gewinnung, Transport und Handel von und mit Salz war den Briten vorbehalten, obwohl die Menschen traditionell ihr Salz aus Meerwasser gewannen, das bekannterweise in rauen Mengen vorhanden ist und nicht gekauft werden muß. Mit Gandhis Salzmarsch und dem demonstrativen Verstoß gegen das Salzmonopol beschleunigte sich der Unabhängigkeitsprozess in Indien enorm, nicht zuletzt wegen der etwa 50.000 Inder, die in der Folge ebenfalls wegen ihrer Verstöße gegen das Monopol verhaftet wurden.

Ein ähnlich gelagertes Beispiel aus unserer deutsch-europäischen Wirklichkeit ist der Umgang mit selbstgewonnenem Saatgut und das Inverkehrbringen desselben. Geregelt werden diese Vorgänge durch das Saatgutverkehrsgesetz (SaatG). Nach Lektüre des Gesetzes ist der Normalbürger nicht wesentlich klüger und deshalb genötigt, durch Internet-Recherche Licht in den Paragraphen-Dschungel zu bringen. Viel läßt sich zu dem Thema nicht finden, besonders wenn Privatpersonen Saatgut kostenpflichtig weitergeben möchten.

Ein eindeutiges Statement kommt von folgender Seite: https://www.agrarheute.com/management/recht/eigenes-gemuese-saatgut-verkaufen-erlaubt-514156. Grundsätzlich ist die Veräußerung von Samen, die in einem privaten Selbstversorgergarten anfallen, verboten. Es sei denn, wir lassen die gesamte (kostenintensive) Genehmigungsprozedur für unser Saatgut über uns ergehen. Auch unter https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Verbotenes-Gemuese,sendung511572.html und https://www.hna.de/wohnen/zuechterin-ursula-reinhard-aus-schandelah-vertreibt-illegal-saatgut-um-geschmacksvielfalt-zu-bewahren-12234634.html werden wir fündig und gründlich desillusioniert.

Alles in allem bewegen sich gewöhnliche Selbstversorger, die ihr samenfestes Saatgut in Verkehr bringen, außerhalb der Legalität. In etwa so, wie Gandhi und seine Anhänger*innen beim Salzmarsch. Wer sich weitergehend mit dem Thema beschäftigt, gewinnt den Eindruck, dass internationale Wirtschaftsinteressen mit Hilfe nationaler Gesetzgebung über die Bedürfnisse der an Vielfalt und Selbstverantwortung interessierten Bürger gestellt werden.

Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.

Jean-Jacques Rousseau