Destination Soylent Green

Nun ist es amtlich: seit Anfang Juni 2021 dürfen laut EU-Novel-Food-Verordnung Produkte aus Mehlwürmern als Lebensmittel in Verkehr gebracht werden. Was auf den ersten Blick vermutlich bei vielen europäischen Konsumenten eher einen Ekel erzeugt, wird uns bereits im Vorfeld als asiatische und afrikanische Delikatesse schmackhaft gemacht. Ungeachtet der persönlichen Animositäten diesen neuartigen Nahrungsmitteln gegenüber, ploppen angesichts der durchweg positiven Argumentation für Speisen aus Insektenlarven gleich mehrere Fragezeichen vor dem geistigen Auge auf.

Obwohl Mehlwürmer mit deutlich weniger Platz-, Energie- und Futterbedarf als andere tierische Proteinlieferanten produziert werden können, benötigen sie doch immer noch Wohnung, Heizung und Nahrung, die ebenfalls hergestellt werden müssen. Um die Insektenlarven bei Laune zu halten, werden Hafer, Soja, Roggen und diverse Gemüse benötigt: alles Produkte, die auch vom Menschen direkt konsumiert werden können, ohne den Umweg über die Wurmfarm.

Stellen wir eine Kuh oder ein Schaf auf die Weide, dann frißt das Tier Gras und liefert Nahrungsmittel. Gras können wir nicht selber essen, wir müssen es auch nicht aufwändig produzieren. Bei natürlicher Nutztierhaltung (z.B. Beweidung von Heideflächen mit Heidschnucken) fällt die zusätzliche Produktion von Kraftfutter aus Soja und Getreide flach.

Darüber hinaus fördert die Verwendung von leicht und schnell zu produzierenden Insekten-Lebensmitteln eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: diejenigen, die sich „richtiges“ Fleisch leisten können und die anderen, die Würmer essen. Besonders deutlich wird dieser Aspekt in dem Science-Fiction-Film ‚Snowpiercer‚ des südkoreanischen Regisseurs und Drehbuchautors Bong Joon-ho in Szene gesetzt. Die Proteinbarren, mit denen die Unterdrückten in den letzten Waggons des Zuges gefüttert werden, bestehen ebenfalls aus Insektenlarven und ähnlichem, während die Elite im vorderen Teil des Zuges Steaks auf dem Speiseplan hat.

Und wenn wir schon nicht auf tierisches Protein verzichten wollen (was ja tatsächlich die eleganteste Lösung wäre) und unsere Fleischproduktion einen beachtlichen Anteil am drohenden Klimawandel hat, warum dann nicht gleich den direkten Weg gehen? Den Konsumenten selbst zur Proteinquelle machen? Vorgedacht wird dieser Ansatz bereits in dem 1973 erschienenen US-amerikanischen SciFi-Klassiker ‚Jahr 2022, die überleben wollen‚, Originaltitel ‚Soylent Green‘ oder in der durchaus gelungenen Verfilmung des Romans ‚Cloud Atlas‘ des britischen Autors David Mitchell. Bewegen wir uns mit der Novel-Food-Verordnung schon in diese Richtung?

Auch hier ließe sich mit denselben Argumenten der Weg bereiten: in einigen Kulturen gilt Menschenfleisch als Delikatesse.