Pathokratie

Nach den anerkannten Modellen der Gruppendynamik kommt es in menschlichen Gesellschaften stets zur Bildung einer Führungsschicht aus einer oder mehreren Personen. Diese vertreten die Gruppe/ Gesellschaft nach außen und legen nach innen die Regeln für die Gemeinschaft fest. Idealerweise besteht die Führung aus qualifizierten Menschen, die den Aufgaben der Menschenführung gewachsen sind. In der platonischen Staatsphilosophie beispielsweise besteht die Führungsschicht demzufolge aus Philosophen, die sich nach Platons Ansicht durch Vernunftbegabung und Weisheit auszeichnen, wobei sich die Philosophie (übersetzt mit Liebe zur Wahrheit) schwerlich mit den Grundzügen der Politik (taktieren, paktieren und intrigieren) zusammendenken läßt.

Wer persönlich an Gruppenbildungsprozessen beteiligt war, kann mit Sicherheit bestätigen, dass sich nach kurzer Zeit immer jemand findet, der die Rolle der Gruppenleitung übernehmen möchte. Diese Personen heben sich in erster Linie dadurch hervor, dass sie versuchen die Festlegung der Gruppenregeln zu dominieren und einzelnen Gruppenmitgliedern Plätze in der Hierachie zuzuweisen. Dabei kommt es oft vor, dass sie sich eine besondere Eignung für die Führungspositionen attestieren.

Machen wir uns die Mühe diese selbst zugesprochenen Führungsqualitäten zu überprüfen, stellen wir häufig – wenn nicht sogar immer – fest, dass die Motivation zur Machtausübung aus einem Mangel an Fähigkeiten entspringt. Persönliche Defizite zwingen Menschen dazu die gemeinschaftlichen Regeln so zu manipulieren, dass ihre Mängel im Zusammenleben nicht offensichtlich sind oder von den anderen ignoriert werden. Machtpositionen werden also nicht von denjenigen angestrebt, die in besonderem Maße (durch Vernunft und Weisheit) dafür geeignet sind, sondern von Menschen, die verhindern müssen, dass sie aufgrund ihrer Defizite unerwünschte gesellschaftliche Positionen erhalten – oder salopp ausgedrückt: sich selbst um ihren Scheiß kümmern müssen.

In der 1945 erschienenen Fabel ‚Animal Farm‚ zeichnet George Orwell ein anschauliches Bild der oben genannten Gruppenprozesse. Dort repräsentiert die Gruppe der Schweine die Führungselite, die sich lieber vor der unangenehmen Farmarbeit drückt und die Mängel ihres Daseins zum erstrebenswerten Standard (Mainstream) erklärt. Ein Blick in die menschliche Realität außerhalb der orwellschen Farm läßt uns erkennen, dass jegliche Staatsform – mit Ausnahme der Anarchie – diesem Leitbild folgt. Auch der 1954 veröffentlichte Roman ‚Herr der Fliegen‚ von William Golding macht deutlich, wohin eine führungsorientierte Gruppe/ Gesellschaft abdriften kann.

In unserem Alltag läßt sich die daraus abgeleitete These ‚Das Pathogene regiert‘ auf vielfältige Weise verifizieren. Zum Beispiel durch die distanzierte Betrachtung der tagesaktuellen Nachrichten in unseren Medien.