Das richtige Leben im falschen

Der Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“ kursiert häufig unter Menschen, die alternative Kulturen und Lebensentwürfe innerhalb eines bestehenden kulturellen Umfeldes etablieren möchten. Ausgedrückt werden soll damit, dass ihre Bemühungen, ein qualitativ hochwertiges Leben in einer Gesellschaft anzusiedeln, die vorwiegend auf Quantität setzt, ein schwieriges Unterfangen ist und dieselben vermutlich sogar zum Scheitern verurteilt sind, wenn sich das Umfeld nicht anpassen läßt. Zuerst geäußert wurde diese viel zitierte Behauptung von dem deutschen Philosophen Theodor W. Adorno in seiner 1951 erschienenen Aphorismen-Sammlung ‚Minima Moralia‘.

Wenn wir den Begriff Leben auf das menschliche Leben beschränken, mag durchaus der Eindruck entstehen, dass Adorno mit seiner Feststellung recht behält. Beziehen wir demgegenüber andere Lebewesen mit ein, verblasst die Aussagekraft des Satzes zunehmend. Auch was ein richtiges Leben oder ein falsches ist, hängt schlußendlich von der Definition ab. Nehmen wir ein anderes Lebewesen als den Menschen, beispielsweise ein Eichhörnchen (oder einen Laubbaum) im urbanen Lebensraum, dann entsteht schnell der Eindruck, dass sich das betreffende Lebewesen im falschen Leben befindet, weil eben die natürliche Umgebung für diese Lebewesen der Wald wäre. Dem oben genannten Satz zufolge könnten also beide kein richtiges Leben führen, weil sie sich am falschen Stand-/ Wohnort befinden. Können wir das wirlich behaupten?

Betrachten wir zum Beispiel den Laubbaum, der vielleicht auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Straße und Gehweg steht, sehen wir ein Lebewesen, für das der notwendige Lebensraum – in diesem Fall der Wurzelraum – nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung steht. Die versiegelten Oberflächen und diverse andere Unannehmlichkeiten machen es dem Stadtbaum zusätzlich schwer sich vollends zu entfalten. Wie geht das Lebewesen Baum mit dieser Situation um? Es schöpft sein Potenzial für ein richtiges Leben, wie es in ihm angelegt ist, zu 100% aus und gibt sein bestes, um an diesem Standort zu bestehen und sich zu reproduzieren, also das Leben zu erhalten. Für den Baum besteht die Frage nach richtig oder falsch vermutlich nicht, das Leben an sich ist per se richtig. Dasselbe dürfte auch für das Eichhörnchen gelten.

Betrachten wir aus diesem Blickwinkel das menschliche Leben – unsere individuelle Existenz in dieser Gesellschaft zu dieser Zeit – , könnten wir uns ebenfalls mit der Frage auseinandersetzen, wieviel wir zu geben bereit sind, um ein richtiges Leben zu führen. Sind es die üblichen 100% – oder weniger? Hat es für Menschen jemals eine andere Situation gegeben, als das richtige Leben im falschen führen zu müssen? Die aufmerksame Lektüre des 2020 erschienenen Buches „Die Himmelsscheibe von Nebra“ von Kai Michel und Harald Meller läßt den Schluß zu, dass Menschen in komplexeren Gesellschaften von jeher vor diesem Problem gestanden haben. Zu Zeiten von Digitalisierung (und der aktuellen Pandemie) mit ihren tiefgreifenden Folgen für alle Lebewesen, besteht insbesondere für Menschen die Verpflichtung ein richtiges Leben im falschen zu führen und sich nicht mit Sätzen, wie dem obigen aus der Verantwortung zu ziehen.

Nehmen wir uns den Laubbaum in der Stadt als Beispiel!